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2017-11-07

Grabbing the Gelegenheit by the Pussy.

Über Verfügbarkeiten von Körpern und Diskursen

Wenn etwas zu lernen ist, aus den vertrackten und desillusionierenden Entwicklungen, Enthüllungen und Positionierungen rund um die Themen (struktureller) Sexismus, geschlechtsspezifische und sexuelle Übergriffe in Österreich (und darüber hinaus), dann, dass wir uns wohl noch lange weiter durch unsere eigenen Untiefen, Abgründe und Unzulänglichkeiten wühlen müssen, dass es weiterhin Nebenwidersprüche, Unauflösbarkeiten, Missverständnisse und strategische Verunklarungen geben wird, bis eine erkenntnistheoretische Sprache dafür entsteht – und ein Raum, der das Sprechen darüber ermöglicht. (Die gestrige Diskussion zum Thema in der Sendung „Pro und Contra“ auf Puls4 hat das Nichtvorhandensein dieser Sprache eindrücklich vorgeführt.)

Das ist vielleicht eine resignative Null-Erkenntnis, die mich aber gleichzeitig ermächtigt, doch noch eines draufzusetzen. Ebenfalls beizutragen zum Diskursnebel. Nichts anderes ist auch die Motivation für diesen Text. I am grabbing this Gelegenheit by the pussy, um einem Gelähmt-Sein entgegenzuarbeiten, um mir Diskursraum zu nehmen, um über Redemacht zu verfügen, wie andere über andere Körper.

Für mich lässt sich das vorliegende Problem nämlich auch als Verfügbarkeitsschere in diversen Machtgefällen fassen. Es gibt wohl in den meisten Biografien Momente, in denen wir der Ansicht sind, über andere psychisch und/oder physisch verfügen zu dürfen. In denen wir das Gefühl haben, die Integrität eines anderen buchstäblich oder metaphorisch ‚angreifen‘ zu dürfen. Diese gedacht-gefühlten Verfügbarkeiten erweisen sich mal als gesellschaftlich gewachsen, strukturell und latent/unbewusst, mal als punktuell eingenommen, strategisch und manifest/bewusst. Zumeist verfügen die Verfügenden auch über die Diskursmacht, ihre An- und Übergriffe weg-argumentieren oder normalisieren zu können. Diese doppelten Verfügungen sind damit unansprech-, unantast- und letztlich unsichtbar („Die Grenzen meiner Sprache...“).

Das primäre Problem liegt übrigens nicht in der Schwierigkeit eines juristischen und/oder gesellschaftlichen Konsens darüber, was sexuelle Übergriffe sind, und dass/wie wir ihnen begegnen oder sie verhüten wollen. Das eigentliche Problem ist ein diskursives. Und es liegt in den Grauzonen der Verfügbarkeiten. Liegt darin, sie (sofort) erkennen und analysieren zu können. Der Aufruf zur Gegenwehr, das ‚Hätte-der/die Betroffene-doch-einfach-direkt-etwas-Gesagt/Getan‘ ist dort hinfällig, wo es um eine Gesellschaft geht, in der für das ‚Einfach-etwas-Sagen‘ keine Sprache und für das ‚Einfach-etwas-Tun‘ kein Raum existiert. Auch nicht existieren kann und soll, weil jedes auf Machtgefällen basierende System dann zusammenbräche.

Ich war zwei Mal als Stipendiatin und drei Mal als Vorstandsmitglied der Initiativgruppe Alpbach Wien am Europäischen Forum Alpbach. Wir wussten von sexistischen und sexuellen Übergriffen, wie sie in einem gesellschaftlichen ‚Brennglas‘, wie es das Forum ist, vorkommen. Wussten davon so, wie man weiß, dass sie ein tatsächliches gesellschaftliches Problem sind. Wie man sie selbst durchaus schon einmal erlebt hat. Dass Machtgefälle zwischen Menschen ausgenützt werden, ist leider wenig überraschend. Dass etwa die Möglichkeit zum Alkoholkonsum oder eine anderweitig aufgeladene Stimmung (unterschiedlichste Intentionen und Backgrounds treffen auf kleinstem Raum aufeinander) ihren Teil dazu beitragen, leuchtet auch ein. Und wie häufig war auch in Alpbach nicht eine zweifelhafte Haltung gegenüber strafrechtlich Relevantem das Problem, sondern – siehe Welt – die Salonfähigkeit der ‚Blurred Lines‘. Es bräuchte einen Sprech- und Energieaufwand in der Größe des Œuvres von Elfriede Jelinek, um hier erfolgreich laut zu werden. Um jede dieser ‚verschwommenen Linien‘ zu verfolgen, zu analysieren und zu diskutieren, bis sie klarere Konturen annimmt. Und weil das kaum eine_r aufbringen kann/will, maßregelt man sich vorauseilend selbst. Bequemt sich. Erstarrt apathisch und überlässt den Vereinfacher_innen das Feld.

Von Stipendiat_innen-Seite haben wir unsererseits mit der Forderung nach einer Ombudsperson, der Durchführung einer Diversity-Kampagne und der Etablierung eines punktuellen "Women's* Forum Alpbach" versucht, institutionell und sensibilisierend etwas gegenzuhalten (eine Ombudsperson für Stipendiat_innen wurde auch ab 2014 benannt), allerdings war ein 'Lautwerden' in diesem Zusammenhang – wie ebenfalls gesamtgesellschaftlich beobachtbar – nicht immer gern gesehen. Zu groß die Angst, hier würden Menschen unnötig aufgerührt/abgeschreckt, hier würden Diskurse vermischt, beziehungsweise etwas aufgeblasen. Hier würde falsch verstandene oder überdosierte ‚politische Korrektheit‘ das Zusammenleben verkomplizieren. Ich lese Haltungen wie diese aus kritischen Reaktionen auf Kampagnen wie #aufschrei und #metoo und ich respektiere, aber teile sie nicht. Ich glaube, Unbequemlichkeiten und Verkomplizierungen sind ein Weg zu größerer Klarheit.

Es hilft nicht, sich vor einer Denunziations- oder politisch-über-korrekten Verbotsgesellschaft zu fürchten, wenn man gleichzeitig nichts dazu tut, einen offenen, facettenreichen Diskursraum zu gestalten. In dem Abgründe und Uneinigkeiten eben auch benennbar werden. Ich nehme hier keine der vielen Seiten aus: Auch ein Shitstorm gegen #metoo-Kritiker_innen ist wenig dienlich, operiert er wiederum mittels eines ‚Über-den-Mund-Fahren‘ und führt zu Lähmung und/oder Verstummung.

Zuletzt noch zum aktuellen ‚Fall‘: Dass 2013 eine junge Frau im ersten, als ‚safe space‘ konzipierten „Women’s* Forum Alpbach“ von einem ihr gegenüber gratwandlerisch-übergriffig agierenden Politiker berichtet, ist schlimm. Dass die Zuhörenden sich einig sind, dass diese Gratwanderungen im Allgemeinen einerseits genau platziert und bewusst gesetzt sind und andererseits von einer breiten Masse sowie durch unsere gemachten gesellschaftlichen Strukturen toleriert werden, ist schlimmer. Dass damals und in den Jahren danach, das Schweigen und allein Verarbeiten dem Opfer als einzig gangbare Option erscheint, ist schlimm. Dass das Brechen seines Schweigens 2017 dann (auch nur potentiell) als parteipolitische Intrige ausgenützt und/oder diskutiert werden kann, ist schlimmer.

Mich schockiert in diesem Zusammenhang nicht im Besonderen, dass Täter_innen sich nicht zurückhalten können, oder nicht wissen (können), wann Grenzen überschritten wurden, sondern dass sie genau damit spielen und bewusst wie unbewusst auf die in ihrem Dunstkreis erwachsenden Grauzonen der Verfügbarkeiten bauen. Die Perfidie ist nämlich nicht, dass jemand über einen anderen Körper verfügt, die Integrität eines anderen angreift, indem er/sie seine/ihre Machtposition ausnützt. Die eigentliche Perfidie ist, dass diese Machtposition die klare Sicht auf die Dinge versperrt, eben keine Sprache und keine Agency für Ohnmacht zulässt und damit die Gegenwehr verkompliziert. Die Hand, die einen füttert (und gelegentlich vielleicht einmal streichelt), lässt sich gar nicht beißen. Sie darf diese Möglichkeit gar nicht von sich aus enthalten, damit sie füttern (und streicheln) kann. Der Zynismus, der hier aus dem mühelosen Changieren zwischen ‚Stell-dich-nicht-so-an‘ (‚Ist doch nur ein Zitat‘, ‚So spreche ich eben‘) und ‚Hättest-du-einfach-etwas-gesagt‘-(‚Wieso kommt das jetzt 4 Jahre später?‘)-Haltungen spricht, der schockiert mich. Und dem kann ich momentan nicht anders begegnen, als ihm dieses ‚Dann-eben-kompliziert‘ entgegenzuhalten.

2012-10-08

BLAAAAAAAAWWWWWWWG.


Ein Blick ins Jahr 2342
[gleichfalls ähnlich so im INDIE no. 34]


BLAAAAAAAAWWWWWWWG. Das Internet rülpst und rollt sich schmatzend auf die Seite. Andächtig wabern seine Fettpölster der Bewegung nach. Die halbvolle Colaflasche still und ungerührt daneben. Träge und dick geworden ist es in den letzten Jahren, kommt kaum noch in die Senkrechte seitdem die Welt ohnehin direkt bei ihm stattfindet. Postmodem. BLLLAAAAAAAAAAAAAAWWWWWWWG. Schon wieder, dieses Mal inklusive Extrawurstgeruch. Das Internet tätschelt seinen Bauch. Alles klar da unten? Die Bauchdecke ist härter, gespannter als noch vor einigen Wochen. Wenn es bloß nicht wieder das hartnäckig nachwachsende Magengeschwür ist, das es seit den 2000ern immer wieder plagt. Wo ist die Zeit nur hin. Millionen von Exabytes sind downgeloadet worden, seitdem das Time Magazine 2006 stellvertretend für das Social Web „dich“ als Menschen des Jahres aufs Titelblatt geholt hat. Unprozessbar viel hat sich verändert: Die starke Anonymous-Lobby hatte ihm zunächst den unguten SOPA mit seinen ersten Vorwehen 2012 ad acta gelegt, kurz danach war auch der letzte Berggipfel per W-LAN erschlossen worden. 2054 schaffte es David Karp, Erfinder und Gründer von Tumblr, seine Rechte auf Babies geltend zu machen, die einer Tumblr-Bekanntschaft entsprangen, und sie als wandelnde Reblogs eintragen zu lassen. Damit begannen die altbekannten Grenzen von Realität und Virtualität zu verschwimmen. Web 2.0, 3.0, 4.0, ebenso wie das ein wenig aus der Reihe fallende Web 4.23 aktualisierten einander wie als hätte jemand auf der F5 Taste geparkt, 2103 wurde in fünf Dimensionen und vier verschiedenen Sprachen gleichzeitig und ausschließlich online kommuniziert. Ab 2108 war ‚offline‘ ein Straftatbestand. 2140 existierten erstmals 10mal so viele Blogs wie Menschen. BLAAAAWWG. Das Internet kichert verlegen. Bei der Feier damals hatte es im Koksrausch den Präsidenten der Vereinigten Staaten abgesetzt. Nur fünfzehn Jahre danach waren endgültig alle Gehirne direkt ans Internet angeschlossen. Damit wusste potentiell jeder alles und es waren nun die Blogs, die als Informationsordner und -sortierer an Macht gewannen. Auf persönlicher Ebene gab es den Erst-, Zweit-, Drittblog, auf kommunaler dann den BotBlog, der automatisch Blogupdates sammelte. Darüber stand regional der BotBotBlog, der automatisch Blogupdates der BotBlogs sammelte, die automatisch Blogupdates sammeln. Und darüber wiederum die BotBotBotBlogs oder Blogblogs. Die Blogblogblogs und schließlich die ganz wichtigen BLAAAAAAAAAAWWWWWGS. Das war rein organisatorisch kaum mehr zu bewältigen und neue Verwaltungssysteme mussten her. 2236 schlossen sich die Blogs zu Gewerkschaften zusammen. Forderten 2248 das freie und uneingeschränkte Wahlrecht (das sie zwei Jahre später erhielten) und 2280 das Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe (auch dies mit Erfolg, bis dahin sollte es aber ganz sieben weitere Jahre dauern). Unbemerkt waren dazwischen die Menschen in den Hintergrund gerückt, die nun vor allem flexible Server und Datenmirrors bildeten – nachwachsenden Speicherplatz für die zahlreichen Mikro- und Makroblogging-Services. Ja, und bis zum heutigen Datum hat man das Problem des gemeinen Schnupfens nicht lösen können. Selbst Hausmittel wie Norton oder McAfee versagen konfrontiert mit derartig perfider Binarität. Aber unter all diesen Entwicklungen eine gesundheitsschädigende Ursache? Ein verdrängter Stressfaktor? Nachdenklich bläst das Internet Luft zurück durch den Strohhalm in die halbvolle Colaflasche. Betrachtet das Aufsteigen und Zerplatzen einer neuen Blase. Dass es all das ja eigentlich wissen müsste, weil es alles weiß, was ‚Wissen‘ genannt wird, beunruhigt es ein wenig. Mit kreisenden Streichelbewegungen versucht es den prallen Bauch zu besänftigen, der schickt aber immer noch vereinzelte BLAWGS an die Oberfläche. Plötzlich – der richtige Link – hat das Sinn-Buffering ein Ende. Natürlich! Magengeschwür und Rülpsen in absoluter Virtualität ja völlig sinnlos! All das also bloß Allegorien für einen dystopischen Text über die Zukunft der Blogs... Die Fettschichten wabern wieder stolz. Mit einem Zug ist die Colaflasche leer. Schließlich rollt sich das Internet erschöpft zurück. Kurz vor dem Einschlafen denkt es noch an Zuckerberg.

2012-10-07

we’ll blog and blog and blog and blog and then we’ll blog some more

oder: a blog about blogs is a blog about blogs is a blog about blogs
[ähnlich so im INDIE no. 34]

<meta> Hallo. Du beginnst gerade diesen Artikel zu lesen. Und weißt wohl schon – vgl. Überschrift und Kontext und so – es geht um Blogs. Keine große Sache. Du kennst das auch: blogs, blogger, blogosphere (auch eine Haltung: hier hektisches Flügelschlagen und Schnabelhacken assoziieren – bog, bog, bog, bog, boooog). Ich zum Beispiel besitze gezählte vier Blogs, von denen genau dieser von genau drei anderen UserInnen gelesen wird, die ihn in den letzten Monaten mit den Suchanfragen „kackende Girls“, „geile, läufige Muttersauen beim Milchsaugen“, aber auch „worauf wollte Goethe bei Clavigo hinaus“ fanden. An dieser Stelle: Danke nach draußen, ich hoffe, ihr wurdet bei mir fündig und ich würde euch gerne einmal alle drei auf ein Frühstücksei treffen.
Jedenfalls, wenn und weil du hier bist, hast du schon einmal einen Blog durchgescrollt. Und hast selbst einen. Oder zwei. Oder zumindest einmal daran gedacht einen zu erstellen. Dieses Internet mit seinen Versuchungen. Die Versprechen des 21. Jahrhunderts nur einen Klick entfernt. Einen einzigen, unschuldigen Sign-Up-Button. Unlängst wieder verführerisch in der rechten oberen Ecke deines Browserfensters: Sign-Up für Bekanntheit, Ruhm und Ehre. Dein Eingehen in die Annalen des Internets, dein digitales Zweitleben – all das beginnt mit einem Blog. Jetzt. Gratis. Du musst dich nur anmelden. Dich mit einigen fantastischen Einträgen in die Herzen der BloggerInnen posten. Sieh, das Gute liegt so nah!
Und stopp. Vielleicht wusstest du auch schon, worauf das hier hinausläuft (lahme Interaktionsprosa): Tu’s bitte einfach nicht. Lösch deine alten Blogs und registriere um Himmels Willen keinen neuen. Lass dir das an dieser Stelle gesagt sein. Klar bist du interessant, erlebst du super spannende Dinge, bist du schön anzusehen und deine Katze auch süß. Aber bitte, fang gar nicht erst an. Alles, an was du jetzt gerade denkst, alles, womit du deinen Blog befüllen wollen würdest, all das gibt es schon. Vierfach. Genau.
Dazu kurz quasi Mathematik: 2011 gibt es auf der Erde geschätzte 130 Millionen Bücher und 150 Millionen Blogs. Die Blogosphere existiert erst seit den späten 90ern und trotzdem ist sie praller bestückt als die Bücherregale dieser Welt. Diese Überfülle und Rasanz ist gleichzeitig fantastisch, beunruhigend und geil. Oder anders gesagt: Stell dir vor, alles was sein kann, gibt es schon, in Blogs, du musst sie nur noch finden (auch eine Haltung geklaut von Wittgenstein ). In diesem Sinne und zum Beweis folgen aufzählende Kurzbeschreibungen zum Zeitpunkt der Print-Veröffentlichung dieses Artikels noch aktuelle, jetzt schon Retro-Blogbusters oder out of business. Lass dich also gleich wegblasen von der Wahnsinnigkeit der Wichtig- und Nichtigkeiten, von life, the universe and everything, von den höchsten Höhepunkten und tiefsten Abgründe des Menschen in HTML und CSS gepresst.
Mein impliziter Kommentar zum Paragone "Print vs. Web": Weder dort noch hier gab oder gibt es die Links zum anklicken, die ja im Sinne des hermeneutischen Zirkels und so eigentlich essentiell zum Text dazugehören. Interaktion und Hyper* also nur via Erzählhaltung und Rezeption. Spaß! Wenn du außerdem das streng geheime Codewort knackst, click here to claim your prize.
Los geht’s.

B wie BLOG im BUNKER
Die Kerben und Inschriften auf den Gefängniswänden sind Frühformen der Blogs und legen nahe: Hinter Gittern ließ es sich immer schon twittern. Dass Johnny die Krake da war und immer noch dort sitzt, erfahren wir heute zeitgleich über die PrisonBlogs. Das Internet als Fenster zur Welt ist dabei vergittert und der Internetzugang der Knackies also beschränkt, sodass Kontaktmänner und -frauen häufig deren handschriftliche Briefe einscannen oder abtippen müssen, aber an Poesie fehlt es den Einträgen nicht. Worüber bloggen die Häftlinge? Über Familie und Kinder da draußen? Gitterstabszählungen? Die Feile im Geburtstagskuchen? Ben, erster britischer PrisonBlogger – im Bau weil er im Alter von 14 Jahren seinen Freund ermordete – verriet auf prisonerben.blogspot.com das Gefängnismenü zu Weihnachten 2009, sowie seine Planung der Silvesterfeierlichkeiten: „Keep your ears peeled at midnight. In the absence of family, friends and booze, 84,000 prisoners will leap from their beds and kick hell out of their cell doors. It sounds like the coming of the apocalypse but we hope it marks the dawn of our freedom.“ Mittlerweile ist Ben draußen und beschwert sich viel: „Travelling time is dead time. Sitting in a car, a bus, a train, is an exercise in wasting my life away.“ Auch Tagesaktuelles kursiert in den Haftanstalten: Auf livefromlockdown.com hält Marco Miguel seinen Finger auf ein Thema, das uns alle quält: „Just think, is it safe to allow American boys to be altar boys in Catholic churches?“, während De’anna Tha’Doll auf vier handschriftlichen Korrekturpapierseiten Abschied von Whitney Houston nimmt und uns via betweenthebars.org daran teilhaben lässt.

L wie LAUGHING OUT LOUD
Von ha.blogspot.com bis hahahahahahahahahahahahahahahahahaha.blogspot.com kann man „ha“ für „ha“ immer schallender lachen, ohne einen einzigen unbesetzten Blog zu finden. Hahahahahahahahahahahahahahahahahahaha.blogspot.com hingegen wäre noch frei. Jemand sollte die URL registrieren und darauf einen sehr guten Witz posten.

O wie OVER 18
Denn auch das Internet hat seine abgetrennte Videothekabteilung: Also gibt es Blogs mit Fotos von hotchickswithdogswithboners.com und „spitz wie Nachbars Lumpi“ trifft es genauer als sonst. Aber auch die Herrchen leiden an der Erektion zur falschen Zeit: den sogenannten awkwardboners.com. Und auch den Brüsten, die vom Menschsein träumen, ist ein Denkmal gesetzt. Titthinksitspeople.blogspot.com wartet auf mit Brüsten, die so aussehen wie bebärtete Gandalfs und behütete Mexikaner. Wer Derartiges nicht in seinen Familienalben findet, vergisst jetzt bitte gespielten Stil, Takt und Anstand und strg-c/strc-v endlich die angeführten Links. Danke. (Und wenn du Mormone oder Literaturwissenschaftlerin bist, findest du alternative Befriedigung auf hotguysreadingbooks.tumblr.com, dem Blog über die Jungs von nebenan, die statt Phalli Bücher in der Hand halten, oder mit bookshelfporn.com angesichts der geilsten Bücherregale und Bibliotheken von da bis Texas.)

G wie GRABSTEIN
Caughtdeadinthat.tumblr.com klingt zwar nach einem der unzähligen Modeblogs, sammelt tatsächlich aber die ironischsten Grabinschriften. Mit „Well this sucks“ oder „I told the doctors I was just fine“ ist das bisher unterschätzte Genre der Grabsteinpoesie nur zwangsdürftig abgesteckt. Nachschauen lohnt sich, auch um herauszufinden, was schönes auf Billy Wilders Grabstein steht.

B wie BLOGGERNACLE
Offenbar sind auch die Mormonen big in der Blogosphere, jedenfalls haben sie einen eigenen tabernakeligen Namen für ihre Blogs: „the bloggernacle“. Wer sich dort hinein traut, findet allerhand Nützliches darüber, wie sich feministische Mormoninnen (feministmormonhousewives.org) die Schwiegersöhne für ihre siebenjährigen Töchter vorstellen sollen, oder ob aufgemalte Fake-Tattoos den Mormonen-Nachbarn beleidigen könnten. Fortschrittlich auch der Blog der modernmormonmen.com, auf dem man sich mit Sockenmustern und anderer „sexy-modest“ Kleidung beschäftigt.

U wie UNABSICHTLICH
Die unabsichtlichen chinesischen Hipster – accidentalchinesehipsters.tumblr.com (ein Hoch auf buchstäbliche Titel) verdienen einen eigenen Eintrag. Yes.

S wie STARS
Celeblogs und unser ur-voyeuristisches Verhalten sind vielleicht der Grund für Blogs überhaupt. Daher hier ein Best Of der Jenny from the Blogs:
1) Die drei atemberaubendsten Dinge unter der Sonne bringt selleckwaterfallsandwich.tumblr.com zusammen – allein schon entzückend, machen Tom, Wasserfälle und Sandwiches zu dritt in Sachen Relevanz der heiligen Dreifaltigkeit Konkurrenz. Ausnahmslos sieht man auf der Seite nicht mehr und nicht weniger, dafür gibt es einen eigenen Themesong. 2) Dass Bill Cosbys Pullover eigentlich im MoMa ausgestellt sein müssten, erkennt thecosbysweaterproject.com und holt aus den liebgewonnenen Mustern unserer traumatischen Kindheit die kleinen Gemälde heraus, die sie immer schon waren. 3) Auch Dave Couliers (der lustige Onkel aus Full House) ikonische Präsenz wird im Internet gefeiert: Seit 23. 11. 2011 postet samepicofdavecoulier.tumblr.com jeden Tag dasselbe Foto von ihm. Seit 23. 11. 2011 postet samepicofdavecoulier.tumblr.com jeden Tag dasselbe Foto von ihm. Seit 23. 11. 2011 postet samepicofdavecoulier.tumblr.com jeden Tag dasselbe Foto von ihm. 4) Jean Dujardin schläft auf Sachen und Menschen (jeansleepingonpeople.tumblr.com), genauso wie 5) Kim Jong Il zuerst Sachen ansah und 6) jetzt nur mehr den Bass dropped (kimjongillookingatthings.tumblr.com bzw. kimjongildroppingthebass.tumblr.com ) 7) Und die Bebians, also die lesbianswholooklikejustinbieber.tumblr.com – werden in Cuteness nur noch geschlagen von der gedoppelten Macht von 8) ryangoslingvspuppy.tumblr.com – das Internet stellt sich nämlich auch die Frage, ob Ryan Gosling süßer ist, als ein Hundebaby.

T wie TIERE
Als die Tiere den Wald verließen und es sich virtuell einrichteten, wurden sie mehr und besser. Online führen sie uns vor, wie sie Zentrum unserer Kultur geworden sind. Die häufigsten thematischen Fotoblogs sind die der vierbeinigen Freunde mit Charakter: Katzen in Brotscheiben – breadedcats.com? Katzen gescannt – thecatscan.tumblr.com? Catsthatlooklikehitler.com? Alles da. War vor einigen Jahren nur der fünfte Tag der Woche als „Catblogging“-Day etabliert, ist mittlerweile jeder Tag Freitag für die Kittyblogger und klicken sich unsere Mäuse durch die Asthmafalle Internet. Und sie finden tierische Nachahmer: Pandas mit Torten gibt’s auf pandalovestoparty.tumblr.com. Verkaterte Eulen auf hungoverowls.tumblr.com. Weintrauben und Sushi auf dem Kopf des Staffordshire Terriers „Tiger“ und das Ganze wiederum auf foodonmydog.tumblr.com. Bei fuckyeahinterspeciesfriendships.tumblr.com schmusen Rehe und Katzen, Hunde und Ziegen. Und Pferde, die aussehen wie Sarah Jessica Parker oder umgekehrt findest du hier: sarahjessicaparkerlookslikeahorse.com. Die Blog-Fauna ist Darwins Gesetzen schon lange nicht mehr unterworfen.

E wie EHEMANN, SCHNARCHEND
Adam spricht im Schlaf, seine Frau nimmt das Nacht für Nacht auf, stellt die Originaltonaufnahmen und ihre Transkriptionen auf sleeptalkinman.blogspot.com und erfreut damit das WWW. Der gute Mann, der tagsüber angeblich kein Wässerchen trübt, führt uns in der Nacht in die Abgründe des Unterbewusstseins („You're exactly the type of person I'd throw a cake at. Swiftly followed by a brick. And then an elk.“) und korrigiert dort Freud: „I'm not just id, ego, superego. I'm id, ego, super-mega-fucking-awesome-ego!“

R wie RIECHORGAN
Nasenblogs. Sehr wichtig. In diesem Fall werden in statistisch relevanten Mengen Ninja Turtles auf den Nasen unserer Welt gefunden und dokumentiert. Mission von teenagemutantninjanoses.tumblr.com: „God is the artist. I just find the Ninja Turtle in his work“ – sogar übrigens auf der Nase des Papsts. Und dann wäre da noch: Der Mann, der seit 2007 seine Nieser zählt und dabei nicht nur Nummer Zweitausenddreihunderteinundfünzig, sondern auch Ort und Umstand des Schneuzers auf sneezecount.joyfeed.com notiert. Wir schlagen nach und staunen: Am 15. 1. 2012 hat er beim Einräumen des Geschirrspülers mittelmäßig bis stark und jedenfalls zum zweitausendachthundertneununddreißigsten Mal geniest. Gesundheit!

S wie ESSEN
OK, Schokoriegel und Sandwiches sind gut. Klar. Aber eingescannt sind sie besser. Keine Frage. Das beweisen scandybars.tumblr.com und scanwiches.com. Die Scanner machen aus Twix und Tomatenbroten Rembrandts. Ja, und auch wie du deinen Kaffee jeden Morgen trinkst, muss sich ändern. Hast du ihn schon einmal mit Sauce Hollandaise, oder Lachsaufstrich, oder Eiern, oder Haggis gespiked? Puttingweirdthingsincoffee.com tut das und betreibt dabei viel physikalischen Aufwand, um die unterschiedlichsten Aggregatzustände misch- und trinkbar zu machen und das Ergebnis fotografisch zu dokumentieren. Selbst der einsame, zertretene Cheeto-Chip auf den Straßen der Welt hat einen Blog. Mal zerbröselt, mal aufgeweicht, gibt er sich auf lonelycheetos.tumblr.com sehr vielseitig, je nach Tagesverfassung. Und wenn einem der Kuchen nicht so gelingt wie Oma, kann man seine Tränen über cakewrecks.com trocknen. Genau. Mit einem Blog über schiefgegangene Kuchen. Wie gut, dass es das gibt.

den enttäuschenden text-coitus interruptus gibt's gratis dazu. danke. </meta> <or is it?>

2012-01-30

Meine Sch(w)einehe.

Eine Apologie für das Schwein und die Ehe um 10€.
[vgl. INDIE no. 30]

Seit ich denken kann und Mutters Klagen verstehe, friste ich ein Schweineleben. Ich esse wie ein Schwein, lebe in einem Saustall, mache und lache über schweinische Witze. Ich bin ungemein rauschig (im schweinisch-doppelten Wortsinn ‚betrunken‘ und ‚läufig‘), habe meine Jahre mit großen und kleinen Schweinen verbracht, manche geliebt, andere gegessen. Ich bin also ein Ferkel und das ist wahr: Würden mir zwischen 12 und 16 rosa Zitzen am Bauch sprießen, ich ginge als 1A-Zuchtsau durch.

Nun sind diese selbstironischen Erleuchtungen nicht besonders einzigartig, schon Kierkegaard dachte dies (er fühlte sich wie ein Eber der Lüneburger Heide) und auch Sie sind davon nicht ausgenommen: Geneigteste LeserInnen, Sie sind ebensolche Schweine. Und tief in unseren organgespendeten Schweineherzen fühlen wir: Das ist gut so! Tatsächlich ist es an der Zeit, ein für alle Mal die größten Irrtümer unserer Tage aufzudecken und unserer bürgerlichen Paarhuferentfremdung ein Ende zu bereiten. Erstens: Schweine sind nicht schlecht. Zweitens: Die Ehe ist nicht schlecht. Drittens: Eine Scheinehe ist vollkommen in Ordnung. Viertens: Selbst wenn all dem nicht so wäre, Geld macht es wieder gut.

Um diese willkürlichen Standpunkte zu untermauern, musste ich aktionistisch werden und beschloss, mich öffentlich zum Schwein in mir zu bekennen, meinem Leben in Sünde ein Ende zu bereiten, mir einen geilen Keiler namens Peter auszumalen und eine Sch(w)einehe einzugehen. 10€ später war ich ärmer und das Angebot von marryyourpet.com („happily ever after starts with MYP“) in Anspruch genommen:

Dear registrar,
I've just paid the 10€ for the "simple wedding" package via PayPal (what a profane way to begin an announcement like this), as I'd like to wed my lovely pig "Peter". I guess, that sort of marriage is rarely consummated, also because most people wouldn't consider a pig as a pet. Well, Peter is much more anyways. Would it be possible to send us the certificate in the course of the next days? We will be visiting Peter's family on the countryside the week after and would like to surprise them with this official celebration of our love.
All the best from Vienna,
Katharina and Peter


Ich hatte also beschlossen, so richtig Schwein gehabt zu haben und zwar auf ewig, bis dass der Tod uns scheidet. Der erste Schritt zum heiligen Bund der Ehe mit dem Schwein-Imago in mir war getan und ein JA-Wort gezahlt. Mein schönster Tag im Leben erschien in Form eines Akts der Selbstermächtigung (und wer kann das von seiner Hochzeit schon behaupten?). Die 10€ standen für das Ende der obligaten Zugehörigkeitsfrage: Das Plus-Eins? Der Jahreswechsel mit? Die grüne Twinnie-Hälfte wohin? Die Intimrasur für? Die bessere Hälfte war von nun an offiziell ich und sie suhlte sich fortwährend und ausschließlich im Dreck. Zynikerinnen wandten ein, ich sei damit den konventionellen Weg gegangen, wären doch alle Männer Schweine; darauf lachte ich höhnisch, sprach, „der Orgasmus eines Schweins dauert 30 Minuten“ und beglückwünschte mich insgeheim für mein praktikables Kettenmail-Wissen. Daraufhin, wie die Hauer ins Auge, die Antwort des virtuellen Standesamts:

Hi Katharina, I have no problem sending your certificate, only I have one general concern. In your mail you refer to consummating your marriage, I am offering a service where people can celebrate their LOVE of their pet - their commitment for life so to speak. I am entirely against bestiality. I imagine this is a misunderstanding, but you'll have to clarify this before I make and send your certificate.
D.


Bei besagtem Service war man also auf das Schlimmste gefasst, aber weder Aktionismus noch Fantasieschwein geeicht. Folglich unterließ ich Belehrungen über den künstlerischen Gehalt der Schafszene in Woody Allens „Everything You Always Wanted to Know About Sex* (*But Were Afraid to Ask)“ oder Edward Albees famoses Ziegenliebe-Stück „The Goat or Who is Sylvia?“, und versuchte der Bettfrage aus dem Weg zu gehen. Das deutsche Privatfernsehen hatte mich gelehrt: Fragen nach dem Sexleben darf die Behörde gar nicht stellen. (Sauerei!) Stattdessen gab ich Peter Form und Charakter und hoffte, auf diese Weise Sympathie und Segen zu erlangen: Peter hatte 1972 ein wunderschönes Gedicht geschrieben (das ich ungeniert mitsandte) und 1973 bestimmt ein zweites. Er war nachdenklich, großzügig und unfassbar schön. Er hatte Mandelaugen und eine ungewöhnlich britische Steckdosennase, er klickte und schnalzte, wenn ich seine Stelzen bürstete, und er schwärmte für Bonnie Tyler. Zuletzt hatte er ein Album mit Matthew Herbert aufgenommen („one pig“ – Töne aus dem Leben eines Schweins) und war trotzdem am Boden in unmittelbarer Nähe seines Futtertroges geblieben. Nach dem vollendet täuschenden Gesuch, gab die Behörde ihre Zustimmung:

Dear Katharina and Peter,
Thanks for the clarification - sorry, but I wanted to be sure. I'm glad I didn't have to annul your wedding before it had hardly begun. Now: Congratulations on your wedding! I wish you all the best and hope you have many glorious years together. Your certificate is now in the post. I loved the poem. How old is Peter? He's older even than me.
Warm regards from Amsterdam.
D.


Es dauerte nicht länger als einen Schwartenriss und wir waren ein Paar(huf) vor dem strengen Auge des Gesetzes. Heute besitze ich die Urkunde „to certify that on the 8th day of January 2011 Katharina Serles and Peter the pig were united in holy matrimony online by Marry Your Pet.com – Pet and People wedding specialists since 1905“. Eingerahmt hängt sie am Kopfende meines Bettes und kündet vom Ende einer langen Ahnenreihe und Anfang einer großen Ehrlichkeit. Wir haben uns getraut, die Allegorie meines Lebens und ich.

Man könnte Handke heiraten, oder sein Herzblatt, oder eben das Schwein in sich. Kein Zweifel aber, dass letztere Verbindung hält, in metaphorischen wie buchstäblichen Zeiten wird die ungetrübte 0%-Statistik der Scheidungsfälle zwischen Schwein und Mensch Ansporn genug sein. Und: Besser ein Ferkel im Ehestand, als ein Frettchen im Bett – zumindest der Stammtisch bedankt sich für derart deftige Anekdoten.

Jedenfalls ist alles wahr, das Sch(w)ein trügt nicht.
PS: Peter Serles.

2012-01-29

The Sleaze of Procrastination. Fadesse 2.0 am Computer

[so veröffentlicht im INDIE no. 29]
3%, 4%, 5%. Ich spüre die göttlich-hypnotische Gegenwart eines buffernden Videos. Draußen ist monotones Finster, die Welt und mein Metabolismus schlafen schon, mein Körper ist seit Stunden Sinnbild der Lethargie: Tief ist er in den Sessel gesunken, Augenlider und Unterlippe hängen schwer. Während das Video wie der brennende Dornbusch lädt ohne fertig zu laden, verhakt sich mein Computertunnelblick hoffnungslos in einschlägige Social Media Sites. Konkret wäre alles mögliche zu tun, stattdessen fröne ich der Langeweile und meinen Ersatzhandlungen von Nichts.

Standardsituation. Hallo heilige Zweifaltigkeit der institutionalisierten Langeweile und Prokrastination. Ich mache nichts und nichts ist das Zentrum meines Begehrens. Es wird nichts getan um etwas zu tun oder umgekehrt. Wir Prokrastinierenden glauben an die Langeweile und widersagen der Systemrelevanz.

Nirgendwo wird das deutlicher als in den YouTube Befindlichkeitschannels von Susi und Klaus Anonymous, den Beichtstühlen dieser Religion 2.0, die ich jetzt Clip für Clip probesitze: Mit großen Augen erklärt Susi, dass ihr Rasierer gut in der Hand liegt, Klaus hat eine Senftube auf seinem Kopf. Susi zieht einen Lidstrich, Klaus hat einen Hamster auf seinem Kopf. Betrachter und VideoLog Betreiber sitzen in gedachter Gleichzeitigkeit auf beiden Seiten des verpixelten Zwischengitters und prokrastinieren, saugen sich als Procrastinater und Procrastinatee parasitär aneinander fest. Spiegelhaft. Jede Stunde wird ein Tag an Videozeit online gestellt – unendlich dehnt sich verbrauchte Zeit auf YouTube. Gähn. Aber: Dem alten Werther hätte das gefallen, der hatte ja damals schon nichts zu tun als auf sich und seinen Herzschmerz zu rekurieren. In ihm begründete Goethe die heute so fetischisierte Selbstdarstellung mangels sonstiger Referenzmöglichkeiten. Mit dem Unterschied: Dazumal blieben Werther die Repliken seines fiktiven Brieffreundes Wilhelm noch erspart, heute wäre er binnen kürzester Zeit von der 4chan-Meute gemobbed und viral gegangen. Wie all die anderen aktuellen 12jährigen Werther-memes übrigens, die mit dem Exhibitionismusangebot nicht umgehen konnten, sich in einen fatalen Strudel von Entäußerung treiben ließen und die leichte Angreifbarkeit ihres Privatesten nicht mitbedachten – wir Prokrastinierenden kennen kein Beichtgeheimnis.

In der nächtlichen Einsiedelei, immer noch ideenlos vor dem Internet und Belanglosigkeiten ausbrütend, ist nur eines besser als die Teilnahme an fremden Langeweilen: die narzisstische Selbstbetrachtung. Ich bin mir ja selbst am interessantesten oder jedenfalls immer voll verfügbar. Zuerst filme ich mit versteckter Webcam wie ich so aussehe vor dem blauflimmernden Licht meines Bildschirms, bis ich die laufende Aufnahme tatsächlich selbst vergesse und fünfzehn Minuten später ein Dokument dieses Entgleitens besitze. Ich sehe mir beim authentischen Vergessen zu, bei der entfremdeten Langeweile und fühle mich total kafkaesk. Dann ein Webcamfoto von genau diesem Gefühl. Vor und nach dem Klick sehe ich meiner Inszenierung vor dem Computer zu. Bin Selbstbild, Wunschbild und Fremdbild zugleich – sogar dreifach determiniert obwohl mir eigentlich einfach nur fad ist. Wow. Ich halte fest, wie das so aussieht, die Langeweile. Von links. Und mit dem Finger in der Nase. Ich morphe Wangen, Lippen, Nase. Simuliere einen linken Haken. Klick um Klick archiviere ich Egosplitter im Selbstbetrachtungsalbum. Ein schneller Blick in den Webcam-Ordner offenbart: Meine Ichikonographien folgen der Ästhetik von Photo Booth: Da reihen sich Caravaggieske Ausleuchtungen vor diffusem Hintergrund aneinander, da gähnen mich Warhol-Serialisierungen meiner Zuckerschnute an. In den Myspaceprofilfotos und Facebookalben dieser Welt sowieso überall das gleiche Bild.

Und wer will das denn eigentlich wirklich noch sehen? Langeweile bei der Produktion, Langeweile bei der Rezeption. Aber das Internet platzt vor Hipster Dos and Donts – unendlich vervielfältigen sich die Ansichten zum Daumenkino. Störrisch hält sich dabei die (Un-)Perspektive des 21. Jahrhunderts: die kalorienbewusste umgekehrte Herrscherperspektive, statt von unten und erhöhend wird von oben abgebildet. Wer hat's erfunden? Dicke Buben oder die Fellatio-POV-Einstellung? Letzteres würde einmal mehr darauf hindeuten, dass die Selbstdarstellung die ganze Zeit schon einer unweigerlichen Autoerotik unterworfen ist – des Hineinspiegelns des eigenen Körpers in sexuelle Zusammenhänge: Die 51 Things I found around my house Videos all dieser random people auf YouTube zeigen mir dann also je 51 Fetische, die weiblichen Selbstinszenierungen von Scheitel bis zum Dekolleté den angelernten männlich-pornographischen Blick. Das macht auch Sinn: Am Zenit der Langeweile, in der absoluten Referenzlosigkeit, bleibt einmal mehr bloß der eigene Körper. Den Versuch der erotischen Vereinigung mit seinem Spiegelbild kennen wir schon von Narziss. Die Konsequenz -

- it's time to masturbate. Ich folge meiner Argumentation und bediene mich in meiner nächtlichen Apathie der traditionellsten und häufigsten Ersatzhandlung. Yes, I'm choking the chicken, spanking the monkey and bashing the bishop while I'm driving Miss Daisy, fiddling the bean, airing the orchid, shucking the oyster and banging the box. 1982 hat Marvin Gaye den intrinsischen Zusammenhang von Prokrastination und Masturbation in "Sexual Healing" besungen: "Please don't procrastinate, it's not good to masturbate". Und die Verwandtschaft geht noch weiter zurück, ist ebenso empirisch belegbar wie kultursoziologisch einleuchtend: Die moderne Leistungsgesellschaft tabuisiert das Nichtstun, das christliche Abendland verdammt die Onanie. Wir, die wir das Wort „Prokrasturbation“ erfunden haben, wir können beides – ona non labora! Und empfinden gleichzeitig dieses in unserer Kultur so lebensnotwendige, jetzt selig potenzierte Schuldgefühl, das wir mit der Muttermilch aufgenommen haben. Nach dem ganzen Schauen dieser Nacht, geht es also endlich ans Eingemachte. Hand und Sexualorgan sind verfügbar und der Orgasmus verspricht die Aufhebung der Langeweile-Zweifaltigkeit im Elysium. Es folgt langwieriges Auswählen der Porno-Menü-Konstellationen auf der Pornowebsite des Vertrauens. Heute eher drei und davon eine älter? Blond, brünett oder im Plastiksackerl? Die überwältigende Fülle ist zwar einmal mehr himmelschreiend eintönig – immer wieder dieselben Strukturen und Bildtraditionen, Stöhn-Konserven und Körperpassformen –, aber ein bisschen läuft die Befriedigung auch über Wiedererkennung because the internet is for porn and bores.

Schneller als gewollt ist alles vorüber, der Bildschirm wird wieder einzig nüchtern-nacktes Element im Raum und Bonaparte flüstert mir ins Ohr: „I know you better than you know yourselves / You stare at me when you touch yourselves / When you watch computer, computer watching you“. Es ist an der Zeit, lethargisch zu nicken. Wie wahr, die Fadesse 2.0 wird televised, gestreamed oder auch nur paranoid als ständig beobachtet – weil vor dem Auge der Webcam sitzend – empfunden. Die technische Selbstreflexion, der Computer als Zwischenmedium zur Ersatzhandlung motiviert das: Sofort ist die Langeweile festgehalten, durch das glory hole Internet verbreitbar und als mediales Produkt ganz easy institutionalisiert und nobilitiert. Das Phänomen Chatroulette ist übrigens die Einlösung dieser Haltung. Wir sind uns nicht zu blöd uns auch live bei der absoluten Prokrasturbation zuzusehen und jeden zusehen zu lassen; ob der nun mitfilmt oder unsere Mutter ist: Einmal zugeschalten klickt man sich durch zwei bis drei stierende Fremde und hunderte gestreichelte und berubbelte Penisse. Das passiert so bei uns daheim wenn uns langweilig ist und es ist in den Entstehungsumständen und Implikationen gar nicht zu unterscheiden vom Badezimmer-Handy-Einarmfoto.

Ich kann mich also bei Chatroulette zuschalten und mich in die Riege der Dauermasturbierer einreihen, ich kann meinen Körper fotografisch abtasten, im Videolog über all diese Erkenntnisse reflektieren, oder einen Artikel darüber schreiben. Es bleibt dasselbe. Ob der eigene Körper beobachtet wird, oder ein fremder. Ob dabei Hand angelegt wird oder nur ein Webcamfoto-Ordner. Das Gebot der Stunde bei Internet-Boredom (weil eh nichts anderes übrig bleibt): Procrasturbate. 6%, 7%, 8%.

2011-06-19

nicht wundern.



Beigabe zur Wundertüte am Fesch'markt 2011

2010-12-26

postweihnachtliche darm- bzw. eulenspiegelung

zwei themen dominieren ein- und ausdrücklich die weihnachtsfeiertage:
1. der weihnachtsbraten
2. die weihnachtsbratenverdauung

in catalunya wurden dieser zusammenhang und seine bedeutung früh erkannt und seit dem 17. jahrhundert mit dem (1) 'tió de nadal' oder 'caga tió' und der figur des (2) 'caganers' entsprechend gefeiert - hier warten die kinder weder auf das christkind noch auf den weihnachtsmann, sondern auf kackende gestalten:


(1) der 'kackende holzscheit' (bzw. nimmt man 'tío' spanisch - der kackende onkel) wird über weihnachten antropomorphisiertes familienmitglied, von 8.12. bis 24.12. gefüttert und zärtlich mit einer decke gewärmt, auf dass er wachse und gedeihe. am 24. oder 25. verlangt die natur ihren tribut und des tíos großes geschäft einige aufmerksamkeit: singend und mit stöcken auf ihn einschlagend wird ihm zur ausscheidung verholfen, bis er sich der geschenke mit einem großen furz entledigt - das geht oft so lange, bis er heringe ausscheidet oder uriniert, dann hat der segen ein ende. wer das nicht glaubt, konsultiere youtube und memoriere demütigst die folgenden verse:
caga, tió (scheiß, tió) / d'avellanes i de pinyó (haselnüsse und pinienkerne) / pixa vi blanc (piss weißwein) / de les festes de nadal (zum weihnachtsfest). / caga, tió (scheiß, tió) / caga, tió (scheiß, tió) / si no vols cagar (wenn du nicht scheißen willst) / et donaré un cop de bastó (werde ich dich mit einem stock schlagen).

(2) die defäkations-krippenfigur des 'caganers' gehört zum fixen inventar der weihnachtlichen nativitäts-szenen. zumeist in der ecke, immer aber als essentieller bestandteil, kotiert da ein gratulant. meine lieblingserklärungen für seine rolle sind: "the caganer represents the idea that god will manifest himself when he is ready, without regard for whether we human beings are ready or not." und: "the caganer was the most mischievous and out-of-place character of the otherwise idyllic landscape; he was the "other", with everything that entails, and as the "other", was accepted, in a liberal vein, as long as he did not aim to occupy the foreground. the caganer represented the spoilsport that we all have inside of us, and that's why it is not surprising that it was the most beloved figure among the children and, above all, the adolescents, who were already beginning to feel a bit like outsiders to the family celebration." (zitiert nach wikipedia, dort übersetzt von den amics del caganer)

wunderschöne worte dazu auch von unserer katalanischen außenkorrespondentin flo l.:* "ich war überrascht, dass an weihnachten in barcelona plötzlich alle vom 'kacken' reden, vielleicht ist auch sinnbildlich die verdauung des vergangenen jahres gemeint. letztendlich zielt das katholische katalonien auf vergebung. die reinigende verdauung. wenn nicht an weihnachten, wann dann?"

also genieren sie sich nicht. keine scheu vor konsistenzrapp(b)orts. am abort sind wir allein gemeinsam. fäkalinteresse verspricht seelische erleichterung - schon der kleine maulwurf wollte wissen, wer ihm auf den kopf gemacht hat. am besten also, wir finden gleich einen künstlerischen zugang zur ureigenen produktivität, wie das etwa manzonis merda d'artista (1961) ebenso wie wim delvoyes cloaca (2000) oder mccarthys complex shit (2008) vorführen.

Wim Delvoye, Cloaca (2000) | Piero Manzoni, Merda d'Artista (1961) | Paul McCarthy, Complex Shit (2008)

selbst-referentialität ist dem kotkunstdiskurs in die wiege gelegt, deswegen macht er auch so großen spaß ('dieses werk ist doch scheiße!' 'das kann doch jeder!'). und auch was die sprinkle brigade unter dem motto 'just leave it. we got it' mit hundekot anstellt, ist ebenso komisch wie galleriewürdig.
weiterführende gespräche unter dem abnadelnden tannenbaum könnten sich mit den etymologischen zusammenhängen von sessel-kot-stuhl beschäftigen. damit, was konnotativ passiert zwischen 'that's shit' und 'that's the shit!' und ob aus vergangenheitstopos-gründen aus verdautem seltener die zukunft gelesen wird, als aus dem relativ unpersönlichen teesud. stellen sie sich unbedingt auch folgende frage: wieso kotieren wir in klaustrophobischen kleinsträumen? doch bloß hoffentlich nicht um der alliteration willen! mit erschrecken ist festzustellen, dass wir just in bezug auf den so früh erkämpften frei- und privatraum unserer gesellschaft nicht einmal beinfreiheit fordern. und dass ausscheidungs- und unabhängigkeitsdiskurs intrinsisch verwoben sind - man denke an den vorgang des trockenwerdens in der kindheit, die emanzipation von zäpfchenmedikament und analer fiebermessung und den zeitpunkt der erschlossenen, mama-unbegleiteten privatsphäre 'wc' - das sollte doch auch räumlich honoriert werden, n'est-ce pas?

aber um den z(k)otigen späßen unbedingte wissenschaftliche relevanz zu bescheinigen: passend zur feiertagsthematik ein paar auszüge aus meiner seminararbeit der älteren deutschen literatur zu till eulenspiegel mit dem unbedingt verführerischen titel:

„Er verkouft ihn seins Trecks für Prophetenbeer“
Fäkalmotivik und Grobianismus in Dyl Ulenspiegel


Die grobianischen Schwänke in Dyl Ulenspiegel sind „als die ältesten überlieferten Schwänke belegt“ und offenbaren demnach einen „Ur-Eulenspiegel“ (Wodraschka 2007, S. 29.). Bei Wunderlich heißt es sogar:

Der Grobianismus, d. h. die Zurschaustellung des Unflätigen, Schmutzigen und Ekelerregenden in der Betonung gerade der niedrigsten Körperfunktionen des Menschen, gehört ja zu den auffallendsten Kennzeichen des Volkbuches von Ulenspiegel, unterscheidet es, was die Häufung derartiger Motive betrifft, von allen übrigen Schwankromanen und ist auffallend selbst für eine Zeit, von der Brant einmal gesagt hat, sie habe sich Sankt Grobian als neuen Heiligen erwählt. (Wunderlich 1979, S. 121f.)
Dass die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der skabrösen Thematik einige befremden mag, ist möglicherweise Grund für die spärliche Bearbeitung der Schwanksammlung in dieser Hinsicht. Die Untersuchungen zu skatologischen Elementen beziehungsweise der Fäkalmotivik und anderen Veräußerlichungen des Körperlichen in Dyl Ulenspiegel beschränken sich auf einzelne Artikel, die vor allem im Jahrbuch des Freundeskreises Till Eulenspiegels e. V. erschienen sind. Eine Systematisierung der betreffenden Historien ist in diesem Rahmen bisher nicht erfolgt, dies versucht die vorliegende Arbeit nachzureichen. Fakt ist, dass der überwiegenden Anzahl grobianischer Schwänke bisher nicht durch intensive Forschungsarbeit Genüge getan wurde und auch ganz allgemein angesichts ihrer Bedeutung für die Schwanksammlung ein etwaiges Gefühl von Befremdlichkeit am falschen Platz zu sein scheint.

mit unbedingtem stolz verweise ich hiermit auch auf eine tabelle wie sie die welt noch nicht gesehen hat: ein vollständiges verzeichnis der fäkalhistorien und grobianischen elemente im dyl ulenspiegel zur grundlage systematischer skatologie-analysen - done, of course, by katharina serles. (auf anfrage erhältlich ;)

Für die Schematisierung wurde zunächst quantitativ gearbeitet, d. h. es wurden jene Historien ausgewählt, die grobianische Bilder beinhalten: Dazu gehört die Beschreibung und der Einsatz des Gesäßes, der verschiedensten Ausscheidungsprodukte und Körpersekrete und der damit verbundene Einsatz von Purgatorien, die verschiedenen Nennungen des Aborts, Inzidenzien von Koprophagie und Kotmantik und ferner Besudelungen durch Fallen in den Dreck. Auch auf die Holzschnitte wurde Rücksicht genommen und ihre motivische Aufnahme eben genannter Topoi dokumentiert. Für die qualitative Analyse wurde
darüber hinaus notiert, in welchen Fällen der grobianische Akt als Bestrafung durchgeführt wird, ebenso, wann dies textimmanentes Lachen bewirkt. Die Ergebnisse wurden schließlich mit den seit Peter Honeggers Fund des Druckes von 1510/1511 aktualisierten und am häufigsten verwendeten Historienschematisierungen verknüpft, beziehungsweise die beiden Raster übereinandergelegt, um auch über die einzelnen Abschnitte Aussagen treffen zu können.

wer sich jetzt übrigens wundert, derartige skabrositäten aus seiner kinderbuchlektüre des eulenspiegels nicht zu erinnern - JA, die wurden tatsächlich in allen mir bekannten bearbeitungen zensiert, man ging von veränderten humor- und rezeptionsverhalten aus. genau dazu noch ein letzter auszug meiner arbeit zum berühmt-berüchtigten '2 girls and 1 cup'-video:

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass 2007 ein koprophages Video im Internet Furore machte, dessen Faszination aus eben jener Mischung von Ekel und Komik resultierte, die für den Ulenspiegel so oft als unmöglich bezweifelt wurde: „2 Girls and 1 Cup“, ein skatologischer Porno, wurde binnen kürzester Zeit zum Internet-Meme: Von eigenen Songs (vgl. „2 Girls and 1 Cup Song“ des kanadischen Comedians Jon Lajoie), populärkulturellen Referenzen (vgl. die Parodie des Sängers John Mayer oder die Referenz auf das Video in der Episode „Back to the Woods“ von Family Guy), bis zur Untersuchung in einer Vielzahl kulturwissenschaftlicher Aufsätze existieren zahlreiche Bearbeitungen des Phänomens. Auf YouTube lassen sich mittlerweile über 5000 'Reaction-Videos' ansehen, die das Herzstück der Popularität des Videos darstellen: Die User schneiden hier live (manchmal mehr oder weniger inszeniert) ihre fasziniert-angeekelt-amüsierten Reaktionen auf das Video mit. Was dieses Phänomen so interessant für unseren Kontext macht, ist einerseits der zeitgenössische Beweis des komischen und populären Potentials von Skatologie, andererseits auch der Beleg für eine Vorrangigkeit und Wirkmacht der Wirkungsästhetik: Soll Obszönität komisch sein, bedarf es der bis zu einem gewissen Grad gleichzeitig implizierten Reaktion – ob sich nun das Opfer sichtlich ekelt oder jemand etwa intradiegetisch lacht. Auf diese Weise werden auch im Ulenspiegel komische 'Markierungen' vollzogen.

damit haben sie wohl jetzt genug zu verdauen.

quellen: Wodraschka, Eva: Tabu und Tabuwandel fäkalischer Motive am Beispiel des Straßburger Eulenspiegelbuches und der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts. In: Eulenspiegel-Jahrbuch 47 (2007), S. 29. // Wunderlich, Werner: Eulenspiegel-Interpretationen. Der Schalk im Spiegel der Forschung 1807-1977. München: Wilhelm Fink 1979, S. 121f.

*überhaupt: specials thanks for those precious catalonian fun facts to florine, soren and his mum. bon nadal i feliç any nou!

2010-12-17

ginka steinwachs’ berliner trichter - berliner bilderbogen nachgehen

ein ambula-litera-torium oder:
eine literaTOUR* von katharina serles
berlin, 01.12.2010


textzitate aus: steinwachs, ginka: berliner trichter - berliner bilderbogen. wien: rhombus verlag 1979. ['bt' = berliner trichter, 'bb' = berliner bilderbogen]





*mit dank an stephanie serles für die wortspielerische anregung

2010-12-15

mund auf der zunge zergehen lassen

wenn sie jetzt bitte den
mmmmmmuuunnnddd
aaauufmachen würden?
aaaaaaaaaaaaaaaaaaaa.


sehr schön! jetzt können die gedanken fließen (fernab von diplomarbeits-professionalitäten): mit 17cm spannweite besitzt francisco domingo joaquim den weitesten mund der welt. gratulation. von mund zu mundus (lat. welt) sind es also räumlich 17cm oder, wem das nicht recht munden will, zeitlich viele jahre zurück ins 17. jahrhundert (wo wir dem theatrum mundi begegnen, hallo!).

Auff den mund [auf! den mund!]
MUnd! der die seelen kan durch lust zusammen hetzen /
Mund! der viel süsser ist als starcker himmels=wein /
Mund! der du alikant des lebens schenckest ein /
Mund! den ich vorziehn muß der Inden reichen schätzen /
Mund! dessen balsam uns kan stärcken und verletzen /
Mund! der vergnügter blüht / als aller rosen schein.
Mund! welchem kein rubin kan gleich und ähnlich seyn.
Mund! den die Gratien mit ihren qvellen netzen;
Mund! Ach corallen=mund / mein eintziges ergetzen!
Mund! laß mich einen kuß uff deinen purpur setzen!
christian hoffmann von hoffmanswaldau (1616-1679)

genau dort holt uns ginka steinwachs ab, wenn sie ein gaumentheater des mundes entwirft: in anlehnung an schillers moralisches theater vernachlässigt sie ein m, das ohnehin bereits in mund enthalten is(s)t, und macht daraus das oralische theater. dabei wird der mund und nicht das auge „organ von welterfahrung“ - gertrude stein lässt sie dazu sagen: "mit dem mund fängt alles an. ich nehme welt mündlich" (steinwachs, ginka: stein, wachs! wien: passagen 2005, s. 47). oralisches theater bedeutet auch: sprache ist speise. sprache wird zerkaut, eingespeichelt, im zungenschlag geformt, importiert und exportiert, und darf auf gar keinen fall fad schmecken, frei nach den drei l: ludisch lullisch lukullisch (du kennst das prinzip schon von den drei s des ü-eis: spiel spaß und spannung).



der mund als faszinosum, die oralische passion statt regression - dem leser, der leserin geht bei steinwachs bestimmt zumindest der mund auf, bleibt offen stehen wo mund zu welt verDICHTET wird.

dass steinwachs mehr will als bloß eine tomate, trennt sie von samuel beckett. und trotzdem ist er ihr in sachen mund näher als gedacht: ebenfalls in den mundfertigen 70ern schrieb er 'not I', ein theaterstück, dass alleine den mund zu wort kommen lässt - hier die zweite inszenierung mit billie whitelaw als 'mouth' (1973):



wird der mund bei beckett von allem losgelöst auf eine bühne gestellt, wird er bei steinwachs selbst zur bühne und der zuschauerraum zum mund: "von den rängen [...] hängen geschmacksknospen purpurschneckenrot. das zäpfchen ein lüster. auf den stufen weicher, roter zungenteppich. die bühne hinter zähnen" (steinwachs, ginka: stein, wachs! wien: passagen 2005, s. 67). ein solcher bühnenmund (allerdings nicht das originale gaumentheater des mundes) ist in einem ausschnitt aus karin bandelins schönem kurzfilm 'ginka steinwachs' (praun productions 2010, 9:40 min) zu sehen.

wenn sie jetzt bitte den
mmmmmmuuunnnddd
zzzuuumachen würden?
mmmmmmmmmmmm.
vielen dank!


ps: merkst dus auch? hiermit als fake gekennzeichnet. patent: originkalzitat. g.s. plosiv ist k.s.

2010-11-26

piratepadgedanken - ein online palimpsest

neulich (nächtlich) auf piratepad...

"Welcome to PiratePad! / This pad text is synchronized as you type, so that everyone viewing this page sees the same text. This allows you to collaborate seamlessly on documents!"
And this pad text has already been written on safe (openoffice)homeland soil.
It's just been inserted.
Because I can.


t a s t s... - oha! die doppelbedeutung! tatsächlich. synchronschreiben:
zeig mir wie du tippst und ich sag dir was du denkst.

oh du schönes palimpsest. das literaturwissenschaftsglück über die beiden werther fassungen. die freude über durchgestrichene schnitzler worte von generationen von nachlassforscherInnen. editionseuphorie. spreading the joy since moses and his gesetzestafeln. du lässt über schultern direkt in den kopf blicken.

palimpsest ist das wort das trifft. aber ein palimpsest bloß auf unserer netzhaut. nur für augen die daran heften bleiben (bis man den timelinebutton entdeckt. dann nämlich auf ewig). jedenfalls: ein online palimpsest in echtzeit.

ich sehe, was du autorIn denkend tippst. tippend denkst. was du löschst. bis du es gelöscht hast. ich sehe deine prozesshafte gedankengenese. ich sehe sie deutlicher als du, weil ich mich ganz auf die choreographie deines schreibens und löschens und schreibens und löschens konzentriere. buchstabentanz. das fühlt sich verrückt direkt an. ich finde mich mitten in deinem sprachzentrum wieder.

dabei wird schriftlichkeit nicht mündlicher - die hybridität berührt eine andere sphäre: schriftlichkeit wird gedanklicher. ich sehe, was du löschst und kann überlegen wieso. ich sehe, dass du über dieses eine wort nachdenkst. ich sehe, was du trotzdem wieder genauso tippst. ein zweites mal. ein drittes mal. verschiebst. wo du absetzt um gedanken zu ordnen. verschriftlichte zeitlichkeit und verzeitlichte schriftlichkeit lassen mich dein textgefühl nachempfinden.
zeig mir woran du feilst und ich verstehe besser was du sagen willst.

schreiben ist arbeit. die bilder im kopf finden, selbst verstehen lernen, auswringen bis zum klaren restbestand (der feuchte fetzen wird schneller wieder nass!) und dann erst recht wieder das handtuch werfen. tabula rasa per delete taste und noch einmal.
besonders deutlich wieder dank piratepad.

ja, du autorIn übersiehst über all deinen ideen und konstruktionsgedanken die historiographie deines texts. wo er schon war, welche anderen texte er war, sein hätte können. du siehst nicht so bewusst wie ich, wie sich deine buchstabenschlange fortbewegt, an wände stößt, magisch an anderen stellen neuauftaucht und sich immer wieder selbst auffrisst.

und das ist gut so.
sonst würde dir auch schwindlig.

but i can. und das begeistert nachhaltig für das phänomen text.

ja und als ende? ende ist
kein ende. der text schreibt sich fort.

und wie das alles mit der chatfensterkolonne rechts daneben zum metainterhypersupertext wird, mit kristeva, steinwachs und dem barock zu tun hat und wieso wir uns überhaupt gedanken machen, lesen sie in der nächsten ausgabe.